Mea Vita


Armin Bock

Mai war. Krieg war und die Kastanien blühten bei einer Sturz- und Frühgeburt in einem Opel damals am 23. Mai 1942 in Chemnitz.

Mit fast 3 Jahren prägte sich die brennende Stadt in mein kleines Hirn ein.

2 1/2 Jahre hausen in einer Turnhalle in Möschwitz bei Plauen. Beim Einzug lag ein großer Karabiner auf einem Notenstapel in einer Butze. Vater zerhackte die Flinte. Freiheit, Hunger, 2 eisige Winter, Hunger, geizige Bauern, Hunger, Hunger, Hunger und viele Russen im Wald waren der Alltag.

 

Mein Lieblingsmärchen - das Schlaraffenland, wo man sich durch eine dicke Griesbreimauer fressen musste, um hinein und herauszukommen. 

Der Bau einer Basilika aus 2 verschiedenen Baukästen, obwohl ich selbstredend noch nie eine gesehen hatte, überzeugte meinen Vater, von Beruf Baumeister, dass ich zu Großem eines Tages befähigt sei.

  

Großvater Maximilian trug bei einem Besuch im zerbombten Haus in Chemnitz ständig einen auf einem Sparofen erwärmten schwarzen Basaltstein mit sich herum. Großvater starb kurz darauf an Hungertyphus.

 

Mein erster Kontakt mit Farbe war, als Muttern zum Fasching 1947 aus gefundenem, farbigen Krepppapier Kostüme für uns 3 Kinder nähte und wir bei einer ziemlich erfolglosen Betteltour -  "Ich bin ä kleener Dicker un komm nisch aufen Drücker. Gebder mor n Pfenng - geh isch meiner Gäng." - in den Regen kamen, weichten wir kunterbunt auf.

 

1947 - Umzug nach Plauen, wo Vater arbeitete. Mutter machte bis zum Umfallen Heimarbeit.

Zur Schuleinführung stand Großmutter, mit welcher wir die Wohnung teilten, mit meiner Zuckertüte vor der falschen Schule. Unser Klassenlehrer hieß Major und war doch nur Gefreiter gewesen. 

In der 4. Klasse brachte mir mein auffälliges Streben nach Kunst eine schallende Ohrfeige meiner Zeichenlehrerin ein, weil ich den auf dem Vertiko stehenden Onkel Siegfried - also sein Foto mit dem schwarzen Flor - akribisch genau abgezeichnet hatte. Mit besonderer Sorgfalt hatte ich den Pleitegeier mit Rune auf die Uniform gezeichnet. 

Aber auch erster Ruhm wurde mir zuteil, als ich von einer Postkarte das Plauener Rathaus abgefriemelt hatte. Da noch das untere Stockwerk fehlte, musste Mutter mit der Nähmaschine noch ein Blatt annähen.

Zu Stalins Geburtstag gab es pro Schüler eine Apfelsine und als er endlich dahingeschieden war, durften wir straflos die betreffende Seite aus dem Geschichtsbuch reißen, nachdem wir Isarjonowitsch Hörner und Ziegenbart nebst Brille verpasst hatten.

 

Ein weiterer prägender Kontakt war, als Großmutter das Zeitliche segnete. Vorher hatte Vater das Plumbsklo, eine halbe Treppe tiefer, mit rotbrauner Ölfarbe zugekliert. Bis es trocken war, sollten wir das Nachbarklo benutzen. Dann das Maleur - die Papilarlinien eines Gesäßes waren sichtbar. Wir Kinder mussten mit nacktem Po vor Vater vorbeidefilieren. Nix war. Erst Wochen später sagte die Heimbürgerin, dass die Oma rotbraune Farbe am - usw.

 

Die Zeit der Nierentischepoche erwischte mich voll. Endlich konnte ich künstlerische Regungen ausleben. Ein Sonnenblumenbild auf nierentischförmiger Pressspanplatte galt als sehr gelungen und Vergleiche mit V. v. Gogh wurden laut geäußert.

 

Wildfremd machte sich die 1 in Zeichnen auf dem Abiturzeugnis aus.

Keine Lehrstellen für Musterzeichner, Dekorationsmaler oder artverwandten Berufen waren frei. So besuchte ich neben der körperlich schweren Arbeit als Lagerist die Mal- und Zeichenschule der Stadt Zwickau bei Prof. Michel. Das Ganze war so etwas wie die Insel der Glückseeligen. Alle Altersklassen waren vertreten. Keine bösen Worte. Kein Mobbing. Siegfried Klotz war so ne Art Meisterschüler dort, dessen Kittel, wie die Fama sagt, nach seinem Weggang, repräsentativ in eine Ecke gestellt wurde. 

Dann folgte ein halbes Jahr Praktikum im Malsaal der Staatstheater Dresden. Der neuerliche Farbkontakt begrenzte sich nach der drastischen Aussage eines uralten Tischlers auf Arbeiterrot, Arschbackenbraun und Elendsgrau; die Gespräche zwischen den Praktikantinnen und Praktikanten auf die Kunst an sich und den Geschlechterkampf im Besonderen.

1961 im Frühjahr lief meine Bewerbung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Die Wehrpflicht war aber schneller. Trotz gesundheitlicher Probleme. "Bissel Magengeschwür und Herzkaspar - Das reicht noch lange nicht!" - brüllte der Musterungsoffizier. 

1.  Station - Blankenburg im Harz in einem ehemaligen KZ am Regenstein. Von dort über Nacht nach Prora auf Rügen zum Panzerregiment 8, welches sich bei der Grenzschließung am 13. August hervorgetan hatte, welches natürlich nur auf so ein Sensibelchen wie mich gewartet hatte. Als Bataillonsschreiber konnte ich nun meinem Affen Zucker geben. Pläne und Transparente schreiben im Schnelldurchgang. Dank Erfindens einer eigenen praktikablen Normschrift und gezielter Vernichtung Unmengen dünnen Bieres von Schall & Schwenke überwand ich auch diese Durststrecke.

 

Erneute Bewerbung in Leipzig war wegen der Kubakrise nicht realisierbar.

Eine Bewerbung bei der Handelsmarine fiel trotz anfänglicher Zusage wegen Verwandten 1. Grades im Westen flach. Ein Brief an Walter Ulbricht landete irgendwo im Papierkorb. Damalige zweimonatige Arbeitslosigkeit interessierte niemanden. Erneut Arbeit als Lagerist im Fräserlager in Plauen.

Von 1964 - 67 Besuch der Fachschule für Theatermalerei und Theaterplastik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

Zum 200. Jahrestag der Hochschule bei einer Dampferfahrt optische Begegnung mit Otto Dix.

Ab September 1967 Theatermaler am Staatstheater Dresden. Gage - 450 Mark brutto.

Suizidgefährdet durch den Stumpfsinn der Arbeit. Beschwerde beim Ausstattungsleiter wegen zu hohem Gehaltes für niedere Tätigkeiten.

Flucht in Collagen, Naviaze (Metallobjekte) und Malerei. Ab 1972 1. Theatermaler.

 

1976 mit 7 großformatigen Bildern, die teils nach Collagen gemalt, Bewerbung um Aufnahme in den Verband.

 

Ausstellung im Glockenspielpavillon. Die Befragung war eine Farce. Mein Mentor kniff.   ABLEHNUNG!

 

Am Theater wurde die Malerei wiederentdeckt. Die Arbeit machte zeitweise richtig Spaß! Im Selbstauftrag entstanden viele Kalender, Collagen, Papierarbeiten, Malereien und Lyrik. Lyrik seit meinem 11. Lebensjahr.

 

Trotz Parteilosigkeit und Protesten - (andere Kollegen sollten auch in den Genuss kommen.) - Teilnahme an Gastspielen in Venedig, Madrid, Athen und Moskau.

1985 - Ausstellung im Kleinen Haus - Collagen

1988 - Ausstellung in Kantine der Semperoper - Papierfaltarbeiten und Naviaze (Metallobjekte)

1995 - Ausstellung in Kleiner Szene -

Nagelbilder und Materialbilder parallel zur Inszenierung der "Riemannoper", zu welcher ich das Bühnenbild entwarf.

1997 - Ausstellung in Kleiner Szene mit grafischen Blättern - "Blumen auf dem Aldebaran" (Buntstift) und Bleistiftzeichnungen.

1999 - Oktober bis Januar 2000 - Ausstellung von Malerei, Grafik und Objekten mit Drache und Teichert im Stadtmuseum.

 

 

Das Auf und Ab von fast 40 Jahren Arbeit am Theater hat sich positiv auf meine künstlerische Experimentierfreudigkeit ausgewirkt.

Durch meine "Unabhängigkeit" war ich nur immer mir selbst verpflichtet - aber auch ohne Lobby und Künstlerfreunde.

 

2006 - bin ich in den "Ruhestand" getreten und vermisse nix.

2008 - bin ich in den KBD (mit babschen B - also Künstler- Bund Dresden eingetreten.

 

Seit 2 Jahren mache ich so genannte "Verrostete Bilder".

Ich verwende malerisch eine eisenhaltige Grundierung auf vorher gespachteltem Motiv an und bearbeite es mit einem Finish - einem Oxidationsmittel. Die entstehenden Valeurs rostiger Töne empfinde ich als erwünscht und ästhetisch.

Auch eine Serie von Masken - Pompejanische Faune - habe ich so bearbeitet. Des Weiteren habe ich dieses Jahr eine Serie von Strandgutbildern, die von der Malerei bis zur Assemblage gehen, in Arbeit.

Das Thema "Feuer" steht als Nächstes im Raum. Natürlich stark farbig. 

Ich glaube fest daran, dass es für mich noch sehr viel zu entdecken und umzusetzen gibt.